Im Herbst geht es im Berner Oberländer Justistal ziemlich laut zu und her. Dann wird gejutzt und geröhrt. Wir sind in das oberhalb vom Thunersee gelegene Sigriswil gereist, um die brunftigen Hirsche und die jahrhundertealte Tradition des Chästeilets zu erleben.
Das 7,5 Kilometer lange Justistal liegt zwischen Sigriswilergrat und dem Güggigsgrat. Der Grönbach fliesst durch das idyllische Tal und den Alpweiden. Die Bäuerin und prämierte Jodlerin Vreni Anderegg hat uns bis zum Grossen Mittelberg mitgenommen und erklärte unterwegs, wo wir die Hirsche sehen könnten. Obwohl Lilis Beizli am Vortag des Chästeilet immer geschlossen ist, machte die Wirtin eine Ausnahme. Etwas zum Trinken, serviere sie schon. Strom gibt es im Justistal keinen und so werden die Getränke im grossen Brunnen vor dem Haus gekühlt.
Auf der Weide neben der Alp grasen friedlich die Kühe. Sie werden wir für den Alpabzug herausgeputzt am nächsten Tag wiedersehen. Heute stehen aber die Hirsche auf dem Programm. Zu Fuss machen wir uns auf den Rückweg in Richtung Büffelboden. Anfang September bis Anfang Oktober zieht ein Grossteil der Hirsche aus der Region ins Tal, um sich mit den Hirschkühen zu paaren. Und tatsächlich hören wir sowohl von der rechten als auch der linken Talseite das laute Röhren der Hirsche. Wo sie sich befinden, verraten die Fotografen, welche mit ihren Fotoapparaten und riesigen Teleobjektiven am Wegrand stehen. Zum Teil sind die Tiere mit blossem Auge zu sehen. Besonders, wenn sie sich im offenen Gelände bewegen. Was für ein Anblick und einzigartige Geräuschkulisse. In der Abenddämmerung sind immer mehr Hirsche zu hören. Nur schon wegen der Hirschbrunft lohnt sich ein Besuch des Justistals. Doch eigentlich sind wir wegen dem Chästeilet angereist.
Seit 1739 gibt es die Tradition den während des Sommers produzierten Käse nach einem speziellen Prozedere unter den Älplern zu verteilen. Die Milch der einzelnen Kühe auf der Alp wird einmal wöchentlich gewogen. So wird ihre Leistung durch den Alpsommer berechnet. Das Resultat nennt man Saum, der 200 Litern Milch entsprecht. Die zu Käselaiben verarbeitete Milch, wird schliesslich am Chästeilet gerecht an die Bauern verteilt.
In den hölzernen Speichern werden die Laibe bis zum Tag der Chästeilet gepflegt und aufbewahrt. Dann pilgern die Bauern mit Familien und Freunden am Morgen aus der Gemeinde Sigriswil in Richtung Spycherberg. In urigen Transportern, die sie liebevoll mit frischen Blumen geschmückt haben. Während der Fahrt wird auf das Fest angestossen und musiziert. Gefolgt von den Blicken der Touristen und Besucher, die zu Fuss bergaufwärts stapfen.
Am Spycherberg hat jeder sein Plätzchen und die mitgebrachten Speisen und Getränke werden auf den Ladeflächen platziert. Während an einem Ort der Klang der Alphörner zu hören ist, wird am anderen im Chor gejodelt. Bis es zum eigentlichen Chästeilet kommt, füllt sich die Wiese mit zahlreichen Menschen.
Kurz nach 11 Uhr beginnt der eigentliche Spektakel. Vor den Speichern werden die Holzplatten aufgebaut, wo die Käselaibe gestapelt werden. Gemeinsam wird Laib für Laib aus dem Speicher herausgetragen und als Türme von sechs bis acht Laiben aufgebaut. Danach verkündet ein Bauer wie die Alpsaison gelaufen ist und dankt den Käsern und Sennen. Nun entscheidet das Los über die Verteilung unter den Bauern. Kleine Tafeln aus Holz oder Karton, die mit Zahlen und Namen beschriftet sind, werden aus einem Leinensack gezogen. Beige für Beige, bis der Käse der Sommersaison verteilt ist. Obwohl es wegen der Trockenheit weniger Käse gab als in anderen Jahren, gefeiert wird trotzdem ausgiebig. Die Alpabzüge zurück nach Sigriswil sind ein weiterer Hingucker. Geschmückt mit frischen und Blumen aus Papier ziehen die Kühe mit Blick auf den Thunersee und den pyramidenförmigen Berg Niesen ins Dorf. Dort wird noch lange frischfröhlich weitergefeiert.