Am Vortag zum diesjährigen Alpabzug hat sogar der Himmel geweint. Die tiefhängenden Wolken verwehrten die Aussicht von der Seilbahngondel auf die imposanten Engstligenfälle. Im Nieselregen spazierten wir den kurzen Weg von der Bergstation zum Berghotel. Statt wie im letzten Jahr mit der ersten Bahn auf die Engstligenalp zu fahren, übernachteten wir dieses Mal auf dem Hochplateau.
Der erste Blick vom Balkon unseres stilvollen Zimmers im Chalet Wildstrubel war wolkenverhangen. Also machten wir uns gleich auf den Weg zur Alphütte der Familie Kleinjenni. Die steckten mitten in den Vorbereitungen für den grossen Tag. Das «Zügel-Fieber» war deutlich spürbar. Trotzdem blieb genug Zeit für einen Kaffee und um zu plaudern.
Wegen der Trockenheit im Unterland, hatten die Älpler ihren Aufenthalt um fast eine Woche verlängert. Nur drei Familien «zügelten» schon früher ins Tal. Der Umzug auf die Alp und wieder zurück ins Tal ist richtig aufwändig. Weil die Alphütten im Winter zugeschneit sind, müssen zum Beispiel alle Lebensmittel wieder ins Tal hinunter. Alles was bleibt, wird winterfest gemacht. Man spürte die melancholische Abschiedsstimmung, obwohl das Leben für die Bauernfamilie wieder etwas einfacher würde.
Zurück im Berghotel liessen wir uns kulinarisch verwöhnen und assen die Teller problemlos bis zum letzten Bissen leer. An uns sollte der Wetterwechsel nicht scheitern. Tatsächlich klarte der Himmel im Laufe der Nacht immer mehr auf und es zeigten sich sogar ein paar Sterne. Lange blieben wir nicht auf dem Balkon, sondern schlüpften unter die wärmenden Decken. Es wurde eine kurze Nacht.
Kurz nach sechs Uhr in der Früh war schon das Gebimmel der Kuhglocken zu hören. Die erste Familie machte sich noch im Dunkeln mit Lampen auf den Weg zum Abstieg ins Tal. Nach und nach folgten andere «Züge». Die Familie Kleinjenni startete um sieben Uhr mit ihrem Alpabzug. In diesem Jahr hatten nur die Männer die Berner Oberländer Tracht an und die Kühe wurden nicht mit Blumen geschmückt. Aber die Melkstühle auf dem Kopf der Tiere durften nicht fehlen.
Der Abstieg von der Engstligenalp ist nicht ohne! 600 Höhenmeter müssen auf einem schmalen und steilen Pfad überwunden werden. Ein anstrengendes Unterfangen für Mensch und Tier. Darum waren auch alle froh, dass sich das Wetter über Nacht verbesserte. Die Nebelwolken verzogen sich langsam im Verlauf des morgens und die Sonne strahlte über der einzigartigen Landschaft. Im Herbst präsentiert sich das auf fast 2000 m liegende Hochplateau richtig mystisch. Wir freuen uns aber trotzdem bereits wieder auf den Juni 2027, wenn wir hoffentlich wieder mit dabei sind, wenn die Kühe und ihre Menschen auf die Alp «zügeln».